Der Kindesmord – die Tötung neugeborener Kinder mit ausdrücklicher oder stillschweigender Billigung der Eltern und der sozialen Umwelt – wird von Historikern als eine Form der Geburtenkontrolle angesehen, die nicht nur im Altertum allenthalben praktiziert wurde, vor allem dort, wo Methoden der Empfängnisverhütung oder Abtreibung unbekannt waren. Den Hintergrund bildeten meist Überlebensnot oder doch sehr bedrängte ökonomische Verhältnisse. Allerdings töteten auch reiche Eltern Kinder, die sie nicht haben wollten.
Die Tötung von Säuglingen nach der Geburt galt bis in die ersten christlichen Jahrhunderte hinein nicht als etwas Unrechtes. Ein Kind wurde so lange nicht als „Mensch“ angesehen, wie nicht bestimmte Zeremonien vollzogen waren, die seine Aufnahme in die Familie und die menschliche Gemeinschaft zum Ausdruck brachten.
Getötet wurden schwache u. missgebildete Kinder, häufiger Mädchen als Jungen
In späteren Zeiten scheint sich der Kindermord im Grenzbereich von „Wollen, vergessen und Ungeschicklichkeit“ abgespielt zu haben. Schon im europäischen Mittelalter und weit darüber hinaus bis ins 18. , 19. Jahrhundert wird berichtet, dass viele Kinder dadurch starben, dass sie von ihren ‚Eltern mit denen sie das Bett teilten, im Schlaf erdrückt und erstickt wurden. Andere Kinder wurden von Ammen getötet, die teils dafür bezahlt wurden, teils aber auch mit zu vielen Kindern sichtlich überfordert waren, so dass allgemein bekannt war, dass Kinder, für die sie nicht sorgen konnten oder für die kein Unterhalt gezahlt wurde, getötet wurden.
Viele Religionen des Altertums verlangten Kinderopfer. Kinder wurden Göttern geopfert für Fruchtbarkeitsriten, gute Ernten, Wohlstand. Teilweise wurde auch in die Fundamente wichtiger öffentlicher Bauwerke, „Lebendiges“ eingemauert. Dazu nahm man auch kleine Kinder – so bei den Kanaanitern, in Indien oder in Deutschland bis ins 16. Jahrhundert.